00010110 Höllenqualen durch Rennwecker.

Der Mensch ist in Ausweichmanövern sehr erfinderisch. Das weiß er nach all der Zeit seiner Existenz schon ganz genau und hat gegen Ausweichmanöver auch Gegenstrategien entwickelt. Auf diese Weise ist das ganze menschliche Leben doch nach dem gleichen System gestrickt und am Ende kommt als Synthese heraus, dass er endlich wach ist. Mehr oder weniger jedenfalls.

DSC_0108

Manche Menschen nehmen zum morgendlichen Aufwachen mehrere Wecker zu dem ihrem Namen entsprechend vorgesehenen Zweck und stellen sie neben das Kopfkissen oder auf ein Nachttischchen oder Schränkchen, jedenfalls auf etwas Kleines. Hat man nichts dergleichen zum Draufstellen, nimmt man ein sanftes Kissen und legt den verdächtig tickenden Gegenstand in sein eigenes kleines Bett. Ganz Herzlose stellen einen nicht tickenden Digitalwecker auf den kalten Betonboden, wo er seiner Verrichtung getreu harrt.

Der Mensch teilt sich nun in zwei Menschen, also so wie sich Zellen teilen, außer bei Amöben oder sind das etwa keine Einzeller? Doch, Gruppen von Einzellern sind Amöben. Die stehen jedoch nicht auf dem Boden sondern liegen in Betten und warten darauf geweckt zu werden. Wenn eine dieser Amöben aufwacht, greift ihre eine Zelle schlaftrunken zu dem Wecker und wirft ihn um oder an die Wand, jedenfalls tut sie etwas sehr böses mit ihm. Andere Amöben stehen vorbildlich auf, machen ein paar Morgenübungen, indem sie ihre Membranen dehnen bis der Schmerz nachlässt und drücken beim Wecker einfach auf den Ausschaltknopf.

Die zuerst erwähnten Einzellergruppen sind nach der Weckerinteraktion noch nicht richtig wach und benötigen weiteren auditiven Input. Geht aber nicht, wenn der Wecker schon zerschellt ist. Also hat der halbe Mensch nun Wecker erfunden, die auf dem Boden stehend weglaufen oder gar weghüpfen. Es sind zwar nicht denkende Wesen wie die Amöben, die hinter ihnen suchend herfließen, aber sie haben schon ganz schön was auf dem programmierten Kasten, vorausgesetzt, sie werden in die Weglaufrichtung schon zu Zeiten des Einzellerschlummerns korrekt ausgerichtet. Die Gegengegenstrategie ist natürlich, dieses Detail in den Weckerbeschreibungen wegzulassen. Aber auch darauf kann man kommen, zumindest mit etwas Nachdenken.

Bleibt dem aufwachenden Mensch nicht mehr viel als Gegenwehr: schwache Batterien nicht ersetzen oder: einfach aufgeben, mentaler Schlafselbstmord.

Wecker:
Suicide / Surrender / https://www.youtube.com/watch?v=4JFM5_H-yqw
Einstürzende Neubauten / Halber Mensch / https://www.youtube.com/watch?v=y0LF6WA9rxI

Advertisements

00010111 Der neue Schutzfaktor.

cropped-dscf1654.jpgEs gibt Zeiten, in denen man nachts träumt und das Geträumte morgens nach dem Erwachen sofort vergisst. Und es gibt Zeiten, in denen man Abends beim Zubettgehen sofort vergisst, was man alles an wirklich Geistreichem gehört hat, tagsüber. Da kommt einem sofort in den Sinn, dass man tagsüber eher Chancen hat, das Gesagte, das Geistreiche und das Geniale aufzuschreiben oder aufzuzeichnen als des Nachts über. Es nützen aber keine Versuche tagsüber das Gedächtnis zu trainieren und sich die besten Sprüche zu merken, es sei denn man wäre eine Frau. Frauen, die können das.

Wer sich auch tagsüber etwas merken kann, das ist die Haut. Die Haut kann zwar nicht weinen, wenn man sie schlägt – das muss der Restmensch übernehmen – aber sie verzeiht keinen Sonnenbrand. Selbst die junge Haut hat mehr das Gedächtnis eines Elefanten als dessen Hautschichten. Die alte Haut ist nur noch fertig von der ollen Strahlung.

Was eine Andere sich gemerkt und dann aufgeschrieben hatte war Folgendes: „Im Schnee kam mir ein junger Mann entgegen, der einen Hund ausführte: weißer Hund, bekleidet mit knallfarbigen Neopren-Füßlingen, welche die zarten Pfötchen überaus niedlich kleideten – natürlich zum Schutz vor dem bösen, bösen Salz, das böse, böse Umweltfrevler während der wenigen Schneetage zentnerweise als Grundwassergift vor ihre Haustür kippen. Der Anblick des Hundes hat mich weniger gerührt als verbittert angesichts der am Vortag gehörten Radiomeldung, dass russische Soldaten nun auch Socken bekommen sollen (bisher trugen sie Fußlappen in ihren Stiefeln). Noch weniger hat mich gerührt, dass wir das falsche, nämlich giftiges Granulat geliefert bekommen haben und schon im Tiefbau der Straßenlöcher eingesetzt haben. Toll für die Sprudelindustrie, wenn unser Grundwasser in den nächsten Jahren verseucht.“

Das alles und manches mehr klingt nicht mehr so schlimm, hört man es im Auto und im Sommer. So ein Auto ist ein eigener Kosmos mit eigenem Sound. Und im Sommer ist der Winter weit weg. Im Stau, beim Warten auf Fahrgäste. Frag den Staub auf der Frontablage, der vergisst auch nicht, was man in ihn hinein schrieb, bis man ihn überschreibt, jedenfalls. Hunde- wie Menschenhaut ist sehr zart und empfindlich. Man könnte das auch messen, denn ein alter Grundsatz lautet ja: Miss es oder vergiss es! Lange Zeit war das Messen von Hautempfindlichkeit jedoch ein internationales Problem, von dem weder Tier- noch Menschenwelt so richtig wussten. Man war mit so ein paar Lichtschutzfaktoren wohl vertraut und hatte sich keine weiteren Gedanken über die Maßeinteilungen gemacht. Das Problem der Hunde mit dem Salz an den Pfoten führte jedoch dazu, dass im Winter die Menschen nicht mehr so lange an der Leine hinterherlaufen konnten, da ja die Hunde auch nur kürzere Zeit dem Salz ausgesetzt werden durften.

Zum Glück für beide Lebewesen gab es jedoch eine italienische Clearingstelle, bei der einer der Angestellten die Berichte von Hunden und Menschen las, eins und eins zusammenzählte und seine Schlüsse für die Haut zog. Und das war auch der Grund und Anlass dafür, dass mittlerweile die Internationale Standardorganisation in Zusammenarbeit mit dem Südafrikanischen Kosmetikverband sowie dem Japanischen Kosmetikverband die Methode in einigen Details überarbeitet und als „Internationale Methode zur Bestimmung des Lichtschutzfaktors“ im Jahre 2013 neu veröffentlichte. Die neue Methode zur Messung der Hautempfindlichkeit entspricht zwar im Wesentlichen der Methode von 1994, sie wurde allerdings in einigen Teilaspekten modifiziert. Seit Anfang 2012 werden Lichtschutzfaktoren nach der Internationalen Methode ermittelt und wegen des durchschlagenden Erfolges ist das System nun auch für die ganze Tierwelt zugänglich.

Die Bestimmung des neuen Lichtschutzfaktors nach der Internationalen Methode wurde erstmals ernsthaft am Menschen („In-vivo“) durchgeführt. Nachdem Hundetests schlussendlich verboten wurden, musste man in Sonne und in Schnee zum Menschen übergehen. Hierzu wurden (natürlich freiwillige) Personen unter kontrollierten Laborbedingungen dem UV-Licht ausgesetzt, um den Effekt der Sonne auf der menschlichen Haut zu simulieren. Man fand in mühevoller Analysearbeitheraus, dass die Schutzwirkung eines gut formulierten Sonnenschutzproduktes durch die unterschiedlichsten Ursachen beeinflusst werden kann. Daher ist die praktische Überprüfung der Sonnenschutzmittel hinsichtlich ihres Lichtschutzfaktors auf der Haut unverzichtbar, wobei insbesondere der Gehalt an UV-Filtersubstanzen in der jeweiligen Formulierung den Schutz entscheidend beeinflusst. Als Formulierung bezeichnet man eine spezielle Mischung von Träger- und Begleitsubstanzen mit bestimmten Anwendungseigenschaften. Die Probleme dagegen, ernsthaft, die neuen freien Radikalen mit Sun Blockern einzufangen, sind soooo easy.

Rentnerstudien / Aussprachehilfe für seltsame Medikamentenamen:

Skunk Anansie / (Brazen) Weep / http://www.youtube.com/watch?v=Gm3z3i_xfaM
The Beautiful South / This Old Skin
Perturbazione / Chiedo Alla Polvere
UV POP / Serious / http://www.youtube.com/watch?v=_oTjBAnaKyI

Baz Luhrmann / Everybody’s Free To Wear Sunscreen (Mix) / http://www.youtube.com/watch?v=sTJ7AzBIJoI

Massive Attack / Radiation Ruling The Nation

-1 Botschaft von Geschmacksverstaerkerei II

cropped-img_1687.jpgIrgendwie ist es die ersten vierzig Jahre nicht zu spüren gewesen, dass wir in einem ständigen Ausleseprozess sind und das, wo wir doch abendabendlich diesen Vorgang vor die Augen gehalten bekommen. Permanent suchen wir aus und werden ausgesucht und wenn wir selbst uns auch vielleicht von solchen Prozessen und Exzessen fernhalten, so schauen wir zumindest gerne dabei zu, wenn Andere das Gleiche mit noch wieder Anderen tun. Schön ist dann nach all dieser Zeit, die Tanzschule nachzuspielen, so wie man sie in der Jugend vielleicht nie erlebt hat. Der nie geschulte Nachwuchstänzer ist ja schon zumindest in Teilen glücklich, sollten ihm einzelne Schritte gelingen und vielmehr die Wiederholung derselben Schrittfolge. Zu erkennen ist hierbei, dass mitunter Taktgefühl und Tanzen Können nicht Fuß in Fuß gehen, zumindest bei der männlichen Hälfte des klassischen Tanzpaars. Im Alter hat man die Tanzpartnersuche meistens schon erledigt, so dass sich die interessanten Run-Don’t Walk-Situationen um die Gunst der schönsten Partnerin nicht mehr ergeben. Man hat sie schon gefunden, es kommt wirklich nur noch auf das Tanzen an, oder?

Entsprechend verhält es sich mit dem Wissen um das Aussehen der Erde. Die Welt geht ja erst bis zum Ende der Straße, das man mit dem Go-Cart erreichen kann. Später dehnt es sich auf die Schulen und Tanzschulen der Stadt aus, wandert manchmal überraschend schnell über Urlaube in weitere Dimensionen. Niemand aus unseren Straßen hat es aber bislang in den Weltraum geschafft. Niemand von uns hat dieses analoge Wissen darum, wie die Welt so aussieht von fern. Analoges Wissen ist anders als digitales Wissen. Analoge Fussballfangesänge fangen an, wenn einer der Fans anstimmt und sie hören auch abrupt wieder auf, entweder, weil die Fans die Aussichtslosigkeit ihres Gesanges erkannt haben, sich die Spielsituation dramatisch verändert hat oder sie sich doch spontan entschieden haben, sich von ihrer Mannschaft abzukehren.

Analoges Wissen in der Popmusik wurde im Wesentlichen durch Radio und Konzerte verbreitet, sie lebten einst in der Erinnerung, in dem Langzeitgedächtnis der Gehörthabenden weiter. Auch niemand aus unserer Straße weiß im Grunde wie das ist, wenn man so ein Stern am Pophimmel ist, wie es sich anfühlt, auf der Fernsehbühne zu stehen, jemand anderem dadurch Bedeutung zu geben, dass man den Mund aufmacht und etwas trällert. Na ja, sagen wir mal so: niemand aus unserer Straße wollte dies bislang. Sicher ist, dass man alles erreichen kann im Leben, wenn man es will. Von Karaokebars zu dem VIP-Leben ist es nur ein kleiner Schritt.

Übrigens muss man sich schon früh im Leben entscheiden, was man wirklich lernen will, Singen oder Tanzen oder in den Weltraum zu fliegen. Will man noch als Kind der erste Mensch im Weltall werden, muss man allerdings mit der Enttäuschung umgehen lernen, dies nicht sein zu können. Schön ist es dann aber, der erste Mensch aus der heimischen Wohnstraße im Weltall zu sein. Diejenigen mit den Sternen in den Augen befinden sich immer auf der Erde und zwar entweder nachts bei klarem Himmel. Sterne auf die Netzhaut bekommt man ansonsten noch durch das exzessive Tapezieren von Kinderzimmern. Wird man älter, verschwinden auch diese Tapeten wieder, ordnen sich immer wieder neuen Styles unter, sind mitunter gar nicht vorhanden, bis eine neue Dekowelle nach dem Aussterben und Verschwinden der Strukturtapeten diese quasiarchäologisch wiederentdeckt. So werden kahle Wände wieder neu mit Gedanken und bislang unbeachteten Mustern gefüllt. Nur wenn man etwas beendet hat, hat man genügend Platz für etwas Neues, an den Wänden des Lebens.

Prinzhorn Dance School / Happy In Bits
The All Seeing I / 1st Man In Space / http://www.youtube.com/watch?v=cBdSvgy6txk
Just Jack / Starz In Their Eyes / http://www.youtube.com/watch?v=8G3Y2iOE1QQ
Waveform / Disappearing Structures