9. Future Bore: Futter

Was macht man auf dem Ozeandampfer des Lebens, wenn einem etwas langweilig ist? Aufs Eis gehen? Dünne Garnelen dick? Der Schiffsführer (230 Seiten) empfiehlt, doch mal in die Zeitschrift der Ozeanfreunde zu schauen („Schöner Dampfen“), die monatlich neue Tipps herausgibt. Ist man jedoch schon lange auf dem Dampfer, zumal dem Dampfer des Lebens, so kennt man auch die Ausgaben der letzten zwei Jahrhunderte, mindestens.

 

Also mal einen traumgleichen Spaziergang durch die Decks des Lebens unternehmen und zuschauen, was dort alles gleichzeitig und doch schon vergangen geschieht. Visionen durchdringen den Wanderer, als er von seinem Gegenwartsdeck, der Mittelaltersbrücke, in die nahe Vergangenheit eintaucht. Als älterer Passagier kennt man natürlich schon eine ganze Menge Leben.

Was ist das Vergangenheitsdeck?

Das Vergangenheitsdeck ist eine Installation, die Interpretationsfläche sein soll und die schon eine lange Liste von Likes hat, so ca. 3 Milliarden, alles in allem. Die Installation besteht aus kristallisierten Gedanken, die durch tote Gehirne gejagt und dort durch Injektion von Gedankenfix verhärtet sind. Diese Gedankenkristalle werden durch altes Licht alter Sterne erleuchtet, wobei das Licht jenseits des Asteroidengürtels eingefangen wurde und durch eine ziemlich lange Glasfaserleitung als Kabellicht auf die Kristalle trifft. Wenn man also ein wenig Zeit übrig hat, sollte man durchaus einen Versuch der persönlichen Gedankenerleuchtung wagen, da inzwischen auch die eigenen inzwischen abgestorbenen Gehirnareale fixiert und erleuchtet werden können! Nur Mut!

Es geht nicht um Style, sondern um Experimente!

Während die Hintergrundmusik auf dem Future-Deck leise blubbert, die 250 besten Futuristen ihre Versionen von Visionen leise erläutern, könnte man als dialognaher Wachmensch zur Abwechslung mal einfach lostreten und etwas machen. Die Zukunft wird bekanntlich dadurch erschlossen, dass Menschen sie besiedeln, in ihr leben. Sich darauf zu besinnen und dann in der Kombüse des Lebens zu schlafen und in der Kajüte alles mal heiß zu kochen, ist immerhin ein erster Ansatz. Will man sich aber völlig von der Vergangenheit des üblichen Wohnens an Bord lösen, helfen Experimente; das tun, was man sonst nicht tut und das auf eine Weise, die man noch nie in Betracht gezogen hatte. Also zum Beispiel mit einem Dreirad in den Speisesaal und dort auf dem Büffet immer in die Eier hauen. Mit einer Fliegenpatsche. Das ist die Art von Gewalt gegen Lebensmittel, die wir sehen wollen, wenn auch nicht spüren wollen.

Das Ziel: Abnehmen

Überhaupt: Gewalt gegen Lebensmittel ist ja tag- tägliches Brot für uns Deckspassagiere. Diese Leckerli werden vernichtet, gefressen, mit Magensäure attackiert, geröstet und auch sonst eher gequält, wobei Bondageing von Wirsingrouladen fast noch harmlos erscheint. Auch die vegetarischen Eltern mit ihren veganen Kindern können beim Essen und dessen Zubereitung mal so richtig die Sau rauslassen. Steht ein Mensch hinter dieser Produktion und nicht ein maschinelles Verfahren, haben die meisten Passagiere seltsamer Weise mehr Respekt vor dem, der das Essen eigenhändig getötet hat. Manche ekeln sich allerdings auch vor diesem Splatterprozess. Es gibt viele Wege abzunehmen und jeder muss seinen eigenen Weg finden, genetisch oder durch Handeln bedingt – es gibt einen Weg, das ist sicher. Abnehmen durch Abschreckung ist der Weg auf den die Reedereien gerne setzen: das Futter der Passagiere wird auf dem Food-Deck neuerdings in Tröge geschüttet, um die sich die Menschen drängen sollen; alles Essen ist im zehnfachen Überfluss vorhanden und muss innerhalb von drei Tagen verzehrt werden. Am dritten Tag fangen die Tröge an zu gären, also vielmehr deren Inhalt. Das ist der Moment, in dem sich das Fett von dem Körper trennt. Man weiß erst dann, was man am Essen hatte, wenn es endlich weg ist.

Yo:

Neue Jugend // Nur Mut! // https://www.youtube.com/watch?v=uVHm3SjcdtA

 

Trio // Los Paul // https://www.youtube.com/watch?v=3K-AlZEJ7PA

 

Janet Jackson // Got Til It’s Gone // https://www.youtube.com/watch?v=OQEduZN1WHs

 

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