23 Was übrig bleibt

IMG_0157Was übrig bleibt, ist das, was nicht fehlt. Nicht wahr? Was bleibt von unseren Lieben übrig? Was fehlt? Was fehlt von den verhassten Dingen? Was fehlt beispielsweise den „komischen Auto“? Was fehlt dem „Muolini“? Zwei Zähne? Die hat er beim Tanzen auf der Carrerabahn verloren. Der lustige Sicherheitswagenfahrer nahm sie ihm. Hätte er besser auf das Safety Car dort geachtet.

Was bleibt davon? Toller Job Number One: Cosmic-Safety-Car –Fahrer auf der Carrera-Bahn, die unerfüllt gebliebene Liebe. Wie macht man eigentlich eine Ausbildung zu so etwas im echten Leben? Man fährt so durch die Gegend und hält sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung, wobei man alle anderen Autos anhält das Gleiche zu tun. Die Musik auf den komischen Auto dröhnt, denn der Fahrer lebt in seiner eigenen Safety Car – Welt und sie ist, nun, laut. Was du als Kind geliebt, es ist nun ganz anders und weg. Da bleibt nicht viel. Ein Bild, Foto der Vergangenheit. Die Musik der Kindheit vielleicht, Kinderlieder, Erwachsenenlieder, die das Kind aufgenommen hat, teils mit den Ohren, teils mit historischen technischen Mitteln. Musik des älter werdenden Kindes.

Und wieso wird man Experte für Biologisch-Historische Musikgeographie, wenn man doch als Kind Mokolotivführer (toller Job Numero Due) werden wollte? Weil man es nicht richtig aussprechen konnte? Wie wird man denn das, was man eigentlich werden will? Die Einen sagen, der Wille ist entscheidend. Nur der erreicht das, was er will, wenn er es wirklich will. Die Anderen entgegnen, man sei das Produkt aus Zufall und eigenen Entscheidungen – die allerdings häufig genug auch eher zufällig ausfallen. JC oder AH, was für seltsame Berufsentwicklungen es doch gibt. Fraglich, ob sie das auch schon als Kind werden wollten. Darüber ist nicht viel bekannt. Ein Vermutung angesichts dieses Vergleichs ist, dass die humorlosen Willensverfolger erheblich gefährlicher für Andere sein dürften, als die durch Zufall Erwählten, die mitunter zweifeln. Im Tanz vereint sind sie beide, zumindest nahe beisammen. Ob sie damals beide durch die Kindergärten tanzten? Was ist dann in ihrem Leben davon übrig geblieben?

Was sie gleichermaßen einte ist, dass sie keinen gesetzlich garantierten Mindesturlaub hatten. Zwei Monate Abwesenheit geht halt auch nur bei Social Networks, als Kunde, nicht als Mitarbeiter oder Eigentümer, der die Firma am Imkreisfahren hält. Ist jemand mit dem Urlaubsanspruch unzufrieden, wird er sich dann später im Leben noch einen neuen Job aussuchen? Mit mehr Urlaub? Selten gelingt dieses Kunststück. Es gibt wenig Oftwechsler und ebenso wenig Spätwechsler im Berufsleben. Und so bleibt der größte Teil dieses Kosmos für uns und für immer unsichtbar. Die ältesten Berufssterne sind schon uncool und dennoch erloschen in dem Moment, als man sich entschied, nichts Neues zu arbeiten.

Designer von Rennautobetten für Kinder möchten die Wenigsten werden, warum nicht noch mit 50 Jahren dahin umschulen? Na klar, weil es das Licht eines derartigen uncoolen Sterns ist. Als Kind war das der heißeste Schei- Shit und jetzt, wo das Licht der Berufe im Alter ankommt, sieht man erst mal wie unkalt heiß sein kann. Genauso verhält es sich mit dem Beruf des Fahrer eines LKW mit Aufschriften der Bible-Army. Jesus Christus! Gläubige Lasterfahrer. Pffffhhh. Wenn Scheitern als Sieg gilt, dann sollte man mitten im Leben auf Safety-Laster-Fahrer umschulen, unter Begleitung des Werbefernsehens. Dieser falsche Weg ist bestimmt der richtige. Nur völlige Vollidioten genießen es in diesem Alter, nach dem Regen barfuss im eigenen Matsch der Wiese zu stehen und den Regen zu tanzen, als Balsam für Füße und Seele.

Es gibt in Zukunft für die fortschrittlichen Menschen immer weniger neue Berufe, die Spaß machen könnten. Kein Geld, nichts fürs Telefon über, egal, ob der Drittjob Spaß macht oder das kosmische Taxifahren das Talent des orientierungsoptimierten Menschen ist. Was bleibt vom Menschen dieser Zeit übrig? Was fehlt ihm denn?

Dunkelfeld- und Dunkelzifferforscher haben schon die zonale Beleuchtung erfunden und bauen damit ganze Häuserschluchten voll. Wenn man schielend auf den Fernseher schaut, kann man sogar Bilder solcher Schluchten in drei Dimensionen sehen. Die Wegzeit bis in das Büro der Zukunft ist schon Wartezeit, Zeit sonst vor den Aufzügen verbracht, die man nun gezwungenermaßen spart, um länger arbeiten zu können. Die Grundannahme von dieser Arbeit ist demnach, dass man sie am besten am Arbeitsplatz verrichten kann und nicht auf dem Weg dorthin. Diese Annahme geht wiederum von einer anderen – überraschenden – Annahme aus, nämlich, dass für die Arbeit der Zukunft nicht das ortsunabhängige Denken Grundvoraussetzung und Inhalt ist. Arbeit hat eben immer etwas mit körperlicher Anwesenheit vor einer Arbeitsplatzmaschine zu tun. Nur so kann der Arbeitgeber messen, ob gearbeitet wurde. Angestellte Arbeit ist nach den überkommenden Vorstellungen der Arbeitskonstrukteure also im Wesentlichen Ausdruck eines Kontrollwunsches.

Der Safety-Car Fahrer ist auch nur so ein überkommendes Angestelltenwürstchen auf einem Arbeitsplatz in Schleifenform. Der Weg zu ihm zählt nicht als Arbeit. Er fährt im Kreis, nicht in die Zukunft. Der Wind pfeift hindurch, es ist menschenleer im Zeitgrün der Grünkeile.

Was übrig bleibt? Weitermachen, die Lieben nicht vergessen.

 

 

 

Etwas von dem Übrigen:

 

Patrick Bruel                  Que reste-t-il de nos amours ?

Cybotron                       Cosmic Cars

D.A.F.                           Der Mussolini

Jin Hiyama                    Locomotive

Underworld                    Two Months Off

Lassie Singers                Wo bleibt der Mensch

PeterLicht                      Es bleibt uns der Wind (Du bist richtig hier)

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15 Ambient Assisted Living

Ist es wirklich so, dass der Mensch im Alter in seiner bisherigen Umgebung verbleiben will, bis dass er endgültig in die Nacht hinausgeht? Diese Umgebung hat schließlich mehr zu bieten als die Nacht, zum Beispiel Wasserabflitscher in der Duschkabine oder im Bad, Bausparvertrag, Bundesligamaskottchen und Hausstaub. Wohingegen die Nacht nicht Konkretes anbietet, nur Seeligkeit, Glück, Rausch und Rebellion. Die Nacht ermöglicht zunächst den Gedanken über das Leben und bietet erst danach die endgültige Stille. Und in dieser Stille wird man kaum Wurfzelte werfen oder an selbstaufblasenden Matratzen horchen.

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Natürlich erlebt man mitunter, dass einem das Gequatsche vom Tag am Abend vor dem Einschlafen zuviel wird. Alle reden auf Dich ein, alle wollen sie dir sagen, was sie so machen oder was sie von dir erwarten, dass du es machst. Fliesenboden, Raufasertapete, Aufhören zu denken. Dieses allgemeine Gequake führt directement zu den Lebensfragen: Möchte man da leben, wo eine Party stattfindet, zu der man nicht eingeladen ist, oder da, wo man selbst eine Party veranstaltet, zu der keiner kommt? Möchte man in Ruhe leben oder da, wo das Leben tobt, wo die Sonne durch den Regen scheint und sich das Wetter der Kleidung anpasst oder will man ein ausgeglichenes Leben führen, ein bisschen Paloma, ein bisschen Aroma, ein bisschen Chichi. Oder nur Chi?

Für den Fall, dass es mal wieder zu laut wird, hat die Menschheit etwas gegen Quatschlärm entwickelt: es gibt die Evolution, die durch Denken befeuert wird. Zuklappbare Ohren gegen zu viele Worte sind Ergebnis dieses Denkens unter Zeitdruck. Noch mal schlafen bevor die Nacht kommt, ist evolutionärer Anspruch. Nach Generationen mit offenen Ohren sprangen jetzt die Gene wild durch die Gegend und haben bei einzelnen Mitgliedern der Menschheit beschlossen, mit den angewachsenen Ohrläppchen einen umklappbaren Ohrverschluss zu schaffen, 100mal wirksamer als jeder Ohrstöpsel.

Das war auch gerade rechtzeitig, denn die immer lauter werdende Unterhaltung der Menschheit nimmt mitunter skurrile Formen an, wenn Jahr für Jahr eine andere Schweine-, Hühner oder Gurkendurchfallgrippe das Kommando übernimmt. Wenn das Gegenwart und Zukunft sein soll, na dann, danke schön- Es ist aber nur die Zukunft des Tages, nicht der Nacht. Und was man auch bedenken sollte: das ist nur der helle Tag, der durch das Fernsehen am Abend simuliert wird. Man sitzt im Dunkeln und denkt: Guck mal, da am Tag sterben die Menschen.

Hieraus zu folgern, dass Ambient Assisted Living in Wirklichkeit nur tagsüber existiert ist nicht ganz abwegig. Genau genommen sieht man es abends im Dunkeln nicht mehr, man spürt nur noch, dass sich der Herzschlag an die dunkler werdende Umgebung anpasst. Das liegt auch an dem Codein, welches in den Tanzschuppen nachts ausgegeben wird.

Guten Tag, gute Nachtlieder:

Ulrich Tukur // Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da

Madelaine Peyroux // Everybody’s Talking // https://www.youtube.com/watch?v=9jeeY80n99Q

Heiko Laux  // Every Thought Is Evolution // https://www.youtube.com/watch?v=xtqA8ymtQPE

K-H (Terre Thaemlitz)  // Infected // https://www.youtube.com/watch?v=KN0maxKxDRE&list=PLLEpDku4_ben1gVmYkn13YLnsxm967Lrf&index=11

Discodein // Synchronize /// https://www.youtube.com/watch?v=TZCFtl2CTdw