Prokrastinationswellen

Die Entdeckung von Prokratinationswellen war in der Physik eine kleine Sensation, während sie in der übrigen Welt nicht einmal den Weg in die örtlichen Zeitungen schaffte. Diese Wellen kommen und gehen, wie es Wellen so tun. Es gibt sie in Mikrozusammenhängen und im ganz großen Bild der Welt, die ja schon deutlich länger hiermit zu…

Die Dinosaurier waren auch schon trauriger
Die Dinosaurier waren auch schon trauriger

Die Entdeckung von Prokratinationswellen war in der Physik eine kleine Sensation, während sie in der übrigen Welt nicht einmal den Weg in die örtlichen Zeitungen schaffte. Diese Wellen kommen und gehen, wie es Wellen so tun. Es gibt sie in Mikrozusammenhängen und im ganz großen Bild der Welt, die ja schon deutlich länger hiermit zu tun hat als die Spezies Mensch, die darauf in einer Mikrowelle haust.

Neulich war es wieder so weit: auf dem höchsten Berg der Erde wurden der Müll und ein paar Leichen derer geborgen, die -neben vielen anderen Bergsteigern – auch für den Müll in dieser lebensfeindlichen Umgebung verantwortlich waren. 11 Tonnen Müll – still counting – und geschätzt 300 Menschenleichen soll es dort geben. Kreti, Plethi und Maier sind auch dabei. Vorher haben sie etwas Müll verstreut und dann sind sie erfroren. Das ist das, was der Maier am Himalaya so gemacht hat. Diese zynische Betrachtungsweise ist Ausdruck einer massiven Prokrastinationswelle, die mich offensichtlich gerade aus den Tiefen des Universums erreicht. Im kosmischen Zusammenhang ist Müll kein großes Problem. 0,00000001 ProMio der Exoplaneten plagt sich damit herum. Da kann man das Problem auch schon mal hier auf der Erde auf morgen verschieben.

Genau dieses Verschieben habe ich dann auch bei meinem allerletzten Umweltsaueinkauf getan. Ich brauchte diesen Käse in Scheiben und es gab nur einen Käse in Scheiben in einer Plastikverpackung. Der Käse stand auf dem Einkaufszettel und wenn da etwas steht, dann muss das unter allen Umständen besorgt werden. Manchmal möchte ich nicht den Einkaufszettel amerikanischer Präsidenten sehen. Ich habe mir den Einkauf nicht leicht gemacht. Habe überlegt, ob ich Käse auch unter Umgehung der Plastikvorschriften bekomme. Ja, mit Aluminiumfolie. Oder aus dem Laib geschnitten und auf eine Folie unklarer und unbestimmter Herkunft bzw. Zusammensetzung gebettet. Am Ende habe ich dann den in Plastik eingepackten Käse gekauft und habe mir geschworen, dass es der letzte Plastikkäse ist, den Plastikmann isst. Damit ich das auch richtig umsetzen könnte, habe ich dann nicht nur mittelalten, sondern auch jungen Gouda gekauft. Jetze liegt der Käse in Plastik in einem Kühlschrank, der im Wesentlichen aus Metall und Plastik besteht.

Plastik ist ein Ausdruck der Umgangssprache für Kunststoff. Bevor ich zur Müllbeseitigung im Himalaya und anderen Massiven komme, noch ein paar Worte zu diesen Begriffen. „Kunststoff“ ist einfach ein herrlicher Begriff. „Es ist eine Kunst, diesen Stoff herzustellen“, so oder ähnlich soll sich schon der Grandseigneur der /des Plastik geäußert haben. In einer Zeit, in der Bakelit und Schellack noch eine mehr oder weniger natürliche Vorform des Künstlichen Stoffes waren, machte dieser sich Gedanken, was man alles in den Bergen so tun könne. Mit Menschen war es übrigens einfach so, dass diese den Berg hinunterrutschten und dann schlicht futsch waren (Merke: „Rutsch – futsch“). Dieses Prinzip des Wegkommens ist wohl in den späten 1960er Jahren nochmal envogue gewesen, als es vor allem in Hochhäusern Müllschlucker gab. Findige Architekten hatten sich auf das Rutsch-Futsch-Prinzip besonnen und so vorübergehend dafür gesorgt, dass der Müll auf andere Weise wegkam, anders als die bis dahin bekannten Arten und Wege der Müllentsorgung.

Manchmal denke ich zurück an meine Jugend und frage mich, wie damals Butter, Käse und Salami eingekauft wurden. In mir ist die Erinnerung nicht totzukriegen, die sich mit einem großen Kaufhaus meiner Heimatstadt befasst. Dort gab es nämlich in der Lebensmittelabteilung Butter, die von einem riesigen Stück in einem Bottich mit einem Buttermesser abgeschnitten wurde und dann auf ein fettresistentes Pergamentpapier gelegt und darin eingewickelt wurde. Das machten immer freundliche Damen, die in weiße Kittel gekleidet waren. Bei denen bekam ich auch eine Erdbeermilch, die in ein großes Milchglas geschüttet wurde und die frisch war. Ach, süße Erinnerung an die Kindheit. Zusammengenommen gab es damals weniger Müll und der wenige Müll wurde auch noch geheimnisvoll durch ein Loch in der Wand entsorgt – er tauchte nie wieder auf.

Über Müll ist im Grunde alles bekannt und gesagt. Es ist wie mit Geld: wird man ihn los, hat ihn jemand anderes. Das ist ja eines der Universalgesetze, dass Dinge und Lebewesen lediglich ihre Gestaltform und Besitzer ändern und woanders sind. Haare, wenn sie ausfallen oder abgeschnitten werden; Plastik, wenn es in Schiffen nach Malaysia verschifft wird. Eine kurze Geschichte des Mülls wäre damit nur noch eine banale Zusammenfassung dessen, was ohnehin alle schon wissen. Eine Überlegung wert wäre noch eine wissenschaftliche Untersuchung des Mülls aus den Bergen. Welche Farben überwiegen beim Müll, von welchem Supermarkt stammen die meisten Artikel und wieso kann man keine sich selbst abbauenden Sauerstoffflaschen herstellen?

Und wer sammelt eigentlich den ganzen Glitter ein, der bei den inflationär verteilten Pokalgewinnern im Moment des erstmaligen Pokalhochhebens verballert wird? Champions auf dem Gipfel Europas oder der Welt, sie bekommen alle die Glitterexplosion. Und dann ist der Moment vorbei, die Fanfaren verklungen und das Wochenende vorbei. Fritze Berger sammelt mit einer Rasenkehrmaschine den jetzt zu Müll verkommenen Glitter ein, der nur für diesen einen kurzen Moment gelebt hatte und da noch eine Bestimmung jenseits des Rumliegens und Vergammelns hatte. Es gibt diese Fritzes überall – im Himalaya sind es Sherpas, die ihren heiligen Berg auch heiligen wollen und den Müll ins Tal bringen. Es gibt immer diejenigen, die diese Welt mit Feiern und Gipfelsturm verschmutzen, diejenigen, die aufräumen und diejenigen, die mit der Herstellung von Soon-To-Be-Waste Geld verdienen, das sie dann im Unverpacktladen ihres Vertrauens in Lebensmittel umwandeln und in mitgebrachte Plastiktupper einpacken lassen. Ich plädiere aber für Pergamentpapier mit brutal gequetschten und vampirartig ausgesaugten Fasern, die das Fett nicht mehr absorbieren, sondern abstossen.

So ist also dieses Leben. Mit Prokrastination und alten Techniken Müll vermeiden. Darauf kein Mikrowellengericht. Ich habe gar keine Mikrowelle.

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Saxophon-Orchester Dobbri mit Gesang (Fritz Berger) / Was Macht Der Maier Am Himalaya / https://www.youtube.com/watch?v=P8aOzPkCZds

Plastikman / Plastique / https://www.youtube.com/watch?v=SFvhxRcfER8

England United / On Top Of The World / https://www.youtube.com/watch?v=LeFDvcG-dRM

Vampire Weekend / This Life / https://www.youtube.com/watch?v=FwkrrU2WYKg