Geister

Wenn ich mir einen Espresso zubereite, dann nehme ich den Siebträger in die Hand, den mit dem doppelten Boden, den man entfernen kann. Ich lege ihn kurz auf der Arbeitsfläche der Küche ab, in der Nähe der Espressomaschine. Diese Maschine hat wenige Maschinenteile im eigentlichen Sinn, aber dennoch gerade so viele, dass man sie Maschine…

Wenn ich mir einen Espresso zubereite, dann nehme ich den Siebträger in die Hand, den mit dem doppelten Boden, den man entfernen kann. Ich lege ihn kurz auf der Arbeitsfläche der Küche ab, in der Nähe der Espressomaschine. Diese Maschine hat wenige Maschinenteile im eigentlichen Sinn, aber dennoch gerade so viele, dass man sie Maschine nennen kann. Worauf ich eigentlich hinaus will ist der Moment, in dem ich mit einem Löffel den gemahlenen Espresso aus dem Vorratsglas entnehme. Ich habe nämlich keine Kaffeemühle, mit der ich jedes Mal frisch Kaffee mahle, um ihn dann direkt in den Siebträger rieseln zu lassen. Der Moment des Rieselns wäre jedoch auch dort ziemlich identisch. Ich habe das schon oft gesehen, im Cafe, beim Frisör, bei Menschen mit einer Kaffeemühle.

Ich muss mich insoweit korrigieren, als dass ich doch eine elektrische Mühle für Kaffee besitze, diese aber nur sehr selten benutze, da ich das für sehr aufwendig halte, damit Kaffee zu mahlen. Die Mühle steht auch meistens in einem Schrank, so dass ich sie erst herausholen müsste. Das ist eine Abwägung, die ich immer blitzschnell treffe, wenn ich merke, dass der vorgemahlen gekaufte Kaffee zur Neige gegangen ist und ich nur noch volle Bohnen habe. Manchmal verzichte ich sogar dann auf einen Kaffee oder aber ich mahle so viele Bohnen, dass es schon wieder für zwei Wochen reicht. Dieses Denken in Kategorien von Nutzen und Aufwand habe ich vor Urzeiten erlernt. Es steht diamtetral zu dem Denken anderer Menschen. Menschen, die nicht solche Abwägungen treffen oder Dinge instinktiv lassen oder tun, gibt es viele. Bei mir ist es ein Nachdenken über die kleinen Handlungen des Tages, die mich zu einem Geist werden lassen.

Ich bin also noch nicht ganz wach, wenn der Wecker zum Morgenappell gerufen hat. Warum habe ich eigentlich dieses Ritual so verinnerlicht, dass ich es auch heute noch vollziehe? Es muss eine Art von Angst gewesen sein. Vor Sanktionen, wenn ich nicht rechtzeitig eine Aufgabe erledige. Etwas, was mir auf-gegeben wurde. Es gibt das völlige Gegenteil von Menschen, die sich nichts auf-geben lassen. Diese brauchen auch keinen Kaffee am Morgen. Und diese haben auch nicht das hieraus resultierende Problem, mit dem ich mich befasse: Es gehen immer – und ich meine wirklich immer – Körner des Espressos neben den Siebträger. Es fallen, egal wie vorsichtig ich bin, immer Körner auf den Rand des Trägers und dann ganz langsam nach unten auf die Küchenarbeitsfläche.

Körner halt, mag mancher denken. Ja Körner, die von einer Kaffeebohne herrühren, die unter großem Aufwand in einem fernen Land gewachsen wurde, vielleicht auch von alleine gewachsen ist. Was wurde sie mit Wasser versorgt und gehegt! Wie viele Menschen haben sich mit ihr beschäftigt, sie verarbeitet und transportiert. Und dann liegen einfach ein paar Körner von ihr auf der Küchenarbeitsplatte in einem fernen Land. Es muss einfach ein Geist gewesen sein, der diese Körner aus dem Siebträger oder Löffel beiseite gewischt hat. Ich habe alles versucht, einen solchen Körnerverlust zu vermeiden. Es hat nie geklappt. Immer geschieht etwas. Ich komme mit dem vollen Löffel leicht gegen das Metal des Siebträgers, Meine linke Hand mit dem Träger zittert etwas. Immer ist es eine unvorhergesehene Bewegung. Es sind Geister am Werk, die ich selbst hervorgerufen habe.

Geister:

Mark Pritchard / Ghosts / https://youtu.be/h-3A9Yj_96U

Agnes Obel / Broken Sleep / https://youtu.be/9-b85ngtQO4