Gute Zeiten, schlechte Zeit

Man sagt, jeder Mensch, der etwas auf sich hält, besitze eine Pilzbürste. Pilze werden damit gesäubert, so dass die Pilzessenden nicht auf Erdsubstrat herumkauen müssen. Eine Pilzbürste besteht – das muss man wissen – aus einem Holzgriff, der die Form eines Rasierpinsels hat und aus Borsten, die zugleich weich und fest sind und so eine…

Man sagt, jeder Mensch, der etwas auf sich hält, besitze eine Pilzbürste. Pilze werden damit gesäubert, so dass die Pilzessenden nicht auf Erdsubstrat herumkauen müssen. Eine Pilzbürste besteht – das muss man wissen – aus einem Holzgriff, der die Form eines Rasierpinsels hat und aus Borsten, die zugleich weich und fest sind und so eine sanfte, gleichzeitig aber sehr bestimmte Pilzreinigung ermöglichen.

Nun weiß nicht jeder, wie Rasierpinsel aussehen oder was das eigentlich ist. Mit einem Rasierpinsel, der ja die gleiche Form und das Aussehen hat wie die Pilzbürste, entfernt man überraschender Weise nicht den männlichen Bartwuchs, sondern bereitet nur dessen Entfernung vor, die dann mit einem Rasierhobel -sei es elektrisch oder manuell – endgültig vollzogen wird.

Nun sind wir in einem Kreislauf gefangen, indem ein Ding durch ein anderes Ding erklärt wird. Ohne konkretes Wissen um das Aussehen eines der beiden Dinge wird es schwer sich darauf einzulassen, was ein Mensch braucht, der etwas auf sich hält. Es ist nicht einfach, dieses Leben. Und dann wiederum gibt es doch Momente von Leichtigkeit. Wie beispielsweise der erste Moment, in dem man etwas versteht, was nicht gegenständlich ist. Was braucht ein Mensch, der etwas auf sich hält, was braucht er beispielsweise auf der Flucht?

Der Mensch braucht nur Dinge zum Fliehen, schnelle Füsse und daher Schuhe, die ihn schnell von einem Ort wegtragen, Kleidung, die ihn zumindest etwas vor den Elementen schützt, vor Regen, Kälte und Hitze, Schuhe, die so gut sind, dass sie keine Blasen machen, aber nicht so gut, dass sie Neid von anderen Flüchtenden erregen, denn der Fliehende wird versuchen müssen, mit diesen seinen wenigen aber essentiellen Dingen weit zu kommen. Hierüber zu schreiben ist schon ein Akt der kulturellen Aneignung, wenn man noch nie geflohen ist. Und Akte der kulturellen Aneignung werden von den meisten anderen Menschen verurteilt. Dabei ist jedes Schreiben ein Akt der kulturellen Aneignung, nur halt graduell unterscheidbar.

Nun kann ich sagen, dass ich eine Pilzbürste neulich in Aktion gesehen habe. Ich habe sie sogar in der Hand gehabt und Pilze abgebürstet. Die Pilze waren von immenser Schönheit und wurden – von mir herausgeputzt – anschließend Teil eines wunderbaren Essen. Aber das ist eine andere Geschichte von kultureller Aneignung: Kochen. Eine Pilzbürste braucht man auf der Flucht nicht.

Oi Va Voi / Refugee / https://youtu.be/Zl2HzJuMZPE