Die Welt ist aus den Fugen, schon lange. Wir gehen ein wenig spazieren, meine Orangenhälfte und ich. Wir nehmen den Weg, den wir auch von Zeit zu Zeit joggen, bzw. gejoggt sind, da das letzte Mal schon ein wenig zurückliegt. Kalter Winter, Regen, Dunkelheit und was sonst noch gegen Joggen spricht. Wir kommen in den Neuen Garten und genießen ein wenig die Februarsonne, suchen die Abschnitte auf dem Weg, wo sie noch spürbar ist, zumindest im Rücken, da wir nach Osten gehen. Auf einer Wiese sehen wir Bärli beim Training mit seinem Herrchen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, lernt aber schnell dazu, sagt mein innerer Hund.
Meine Orangenhälfte erinnert sich an einen Comic, den einer ihrer Schüler zusammengestellt hat. Ein Hund und seine Reaktionen auf Befehle: „Eddie – Sitz!“ – „Eddie – Platz!“ – „Eddie – Peng!“. Bei „Eddie – Peng!“ legte sich Eddie dann auf die Seite und spielte toter Hund. Wie im Film. Ich denke an die vielen Filme, die gerade so ablaufen, mit oder ohne Leinwand und wir gehen nebeneinander weiter durch die Parkanlage.
Eine Frau joggt an uns vorbei, sie kommt von hinten und hat einen entspannten Laufstil. Wir schauen beide auf ihre Heckansicht und machen uns so unsere Gedanken. Mit einem Abstand von 4 bis 5 Metern kommt ein Mann hinterhergejoggt und wir denken nicht mehr an Hinterteile, sondern an die Reihenfolge beim gemeinsamen Jogging – Frau zuerst und Mann mit Abstand – eher ungewöhnlich. Doch das diskutieren wir erst, als die Frau wieder zurückkommt. Sie hat am Ende des Weges eine Schleife gedreht und ist mit ihrem Schatten im Schlepptau bald wieder auf unserer Höhe. Sie schaut uns nacheinander an.
Wir rekapitulieren unsere Gehirnprozesse des Scannens und Erkennens unserer Außenministerin ein wenig später. Ist das nicht im Grunde auch die Technik, die in China zur Ortung eingesetzt wird oder bei der Suche nach Menschen im Internet? Nach TerroristInnen? Mein Gehirn hat Bilder anderer Menschen in Bruchteilen von Sekunden verglichen und eine 97%ige Wahrscheinlichkeit ausgeworfen, dass es sich um Annalena gehandelt hat, der Mann dahinter blieb allerdings unbekannt.
Sie joggt, ganz ohne außer Atem zu kommen, einsam bis auf ihren Schatten am See entlang. Der Mann dahinter ist ebenso entspannt. Gibt es eine Gefahr für die Beiden? Nein, wir sind schließlich nicht in Berlin. Dort heißt es: „Im Wedding wird arabisch gesprochen, ein falsches Wort: Nase gebrochen!“ Oder auch: „Ich geh‘ zum Döner, ess‘ einen mit Zwiebel, Dir wird vom Geruch schon ganz übel.“ Kann man gut rappen beim Joggen. Ob auch sie ein Mantra wiederholt, und was sie dabei sagt und denkt, kann ich nicht erkennen. Ihre geschminkten Augen erfassen mich, taxieren mich kurz. Ich denke daran, wie sie vor drei Jahren bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bochum ein Trikot meines Vereins überreicht bekommen hat. Da es von einer Parteifreundin überreicht wurde, zog sie es auch vor Ort über. Da habe ich sie gesehen. Auf der Vorderseite stand Werbung für ein großes Wohnungsunternehmen. Ich habe sie gemeinsam mit meiner Orangenhälfte noch ein anderes Mal gesehen, aber das will ich hier nicht weiter ausbreiten. Heute hat sie ein neutrales Joggingoutfit angezogen und nicht die schönen Kleider oder Anzüge, die sie sich in der letzten Zeit zugelegt hat.
Ich denke darüber nach, wie gerne ich ihr sagen würde, dass ich bewundere, wie sie ihre neue Aufgabe durchführt, dass ich ihr viel Energie wünsche und die Chuzpe, sich zu behaupten. Ich denke darüber nach, dass ich wie im Wedding wahrscheinlich sofort neue Zähne brauche, wenn ich sie anspreche. Ich denke über ursprünglich „grüne“ Politikinhalte nach und wie sehr die Politik jemanden verändert, ganz besonders jemanden in einer exponierten Führungsposition und mit Verantwortung. Am Wochenende zuvor haben wir am Sonntag nach der Bärchen-Verleihung noch einen Wettbewerbsfilm und einen Film außerhalb der Wertung gesehen. Beim ersten Film hörte ich das Geräusch, welches mir im Kino direkt in den Magen schlägt, etwa so wie man im Wedding die Nase gebrochen bekommt: Verpackungsgeraschel. Hierzu ist zu sagen, dass es zwei Arten von Kino gibt. Es gibt das Filmmuseum, ohne Werbung, ohne ein Vorprogramm und ohne Popcorn. Und es gibt alle anderen MIT diesen Dingen einschließlich Verpackungsgeraschel.
Nun ist die Berlinale eigentlich nicht für ihr Verpackungsgeraschel bekannt, sondern eher für Gequatsche von hippen Berlinale-Besuchern featuring detailreiche, angelesene Informationen über den bevorstehenden Film oder Tatsachenberichte der Bärenverleihung vom Vortag mit Interna, die niemand wissen will. Hier war es aber einmal knisternd vor Verpackung. Es gibt Nahrungsmittel, die sind in bis zu drei Schichten Plastik verpackt, wobei eine äußere Schicht mehrere einzelne verpackte Nahrungsstücke zusammenhält. In der Verpackung selbst sind in aller Regel noch ein bis zwei Verpackungsschichten vorhanden, bis man zum Kern, der Nahrung, vordringt. Das Rascheln der Verpackung ergibt sich bereits beim Herausnehmen aus einer Tasche, in der noch anderer Krimskrams enthalten ist. Das Plastik – früher verlangte man anstelle dessen nach Jute oder Cellophan – knistert wie Hölle. Manchmal kann man es nur mit einem Schweizer Armeetaschenmesser zerstoßen und damit öffnen. Dann kommt die zweite Schicht, die ebenso schwer zu öffnen ist. Der Vorgang dauerte insgesamt 7 bis 8 Minuten und ich befürchtete schlimmstes für den ersten Film des Tages. Doch das Geraschel hörte dann pünktlich mit dem Ankündigungsgong auf und nur der Film war hinterher selbst dafür verantwortlich, dass ich mich ob seines Inhalts verbal erregte. Und so vergaß ich meine ursprüngliche Frage, wie oft man Nahrungsmittel wirklich zu verpacken hat, will man sie an sensible Orte ohne Schaden mitnehmen.
Beim zweiten Film war dann alles wieder gut. Es gab keine unangenehmen Geräusche, begleitende Streitereien über die Lage im Nahen Osten, vielmehr nur ein Zusammentreffen der japanischen Community, schließlich gab es einen ebensolchen Film aus Japan zu sehen. Japanische Filme beruhigen mich quasi immer. Die Welt kann noch so sehr aus den Fugen sein, in Japan ist zu lernen, dass sie sich dennoch weiterdreht. Das gilt auch für die Gastronomie um die Ecke, nur dreht sie sich dort anders herum weiter. Nach zwei Monaten der Renovierung und der dieserhalb ausgeschalteten Küchenlüftung, nach zwei Monaten abendlicher Ruhe und Unbeschwertheit, läuft sie ab heute wieder. Diese neue Gastronomie missbraucht den schönen Namen U.S.C.H.I. und warb schon seit einiger Zeit mit dem Hinweis „comming soon“. Mit doppeltem „m“. Was davon zu halten ist, teilt man am besten dem Ordnungsamt mit. Ein Amt, das in Japan bestimmt überflüssig ist. Dort braucht es keine Abfallkörbe in der Öffentlichkeit, da es so gut wie keine Verpackung gibt oder aber, weil man seine Verpackung mit nach Hause nimmt und nicht auf das Trottoir wirft. Im Kino war ich dort leider nicht, so dass mir der dortige Geraschelstatus noch unbekannt ist. Ich werde also nochmal nach Japan fahren müssen, um dort zu sein.
Einstürzende Neubauten / Wedding
Gene Vincent / Wedding Bells (Are Breaking Up That Old Gang Of Mine)
Genesis / Blood On The Rooftops
U.N.K.L.E. / Be There
Nina Simone / Feeling Good
