Headless Chicken in Pjöngjang

Es gibt Dinge, die einen Menschen aufregen, obwohl sie objektiv betrachtet harmlos sind. Ein nicht gesetzter Blinker im Kreisverkehr zum Beispiel. Oder Besucher, die eine fremde Wohnung barfuß betreten, als würden sie eine tropische Lagune durchqueren wollen. Oder Leute, die an der Grenze zu Nordkorea Playmobil-Ozempicspritzen verteilen und dabei behaupten, sie wären Teil eines langfristig…

Es gibt Dinge, die einen Menschen aufregen, obwohl sie objektiv betrachtet harmlos sind. Ein nicht gesetzter Blinker im Kreisverkehr zum Beispiel. Oder Besucher, die eine fremde Wohnung barfuß betreten, als würden sie eine tropische Lagune durchqueren wollen. Oder Leute, die an der Grenze zu Nordkorea Playmobil-Ozempicspritzen verteilen und dabei behaupten, sie wären Teil eines langfristig angelegten Gesundheitskonzepts.

Die meisten Menschen halten diese drei Sachverhalte für völlig unabhängig voneinander. Das liegt daran, dass die meisten Menschen keine Übersichtskarte besitzen.

Eine Übersichtskarte hatte nur mein Nachbar Weicher. Sie bestand aus drei zusammengeklebten ADAC-Atlanten, einem Stadtplan von Wanne-Eickel aus den Achtzigern und einem Bierdeckel, auf dem „ALLES HÄNGT MIT ALLEM ZUSAMMEN“ stand.

Weicher glaubte nämlich, dass jeder nicht gesetzte Blinker irgendwo auf der Welt eine Kettenreaktion auslöst. Wer den Kreisverkehr ohne Anzeige verlässt, sagte er, erzeugt einen Luftwirbel. Dieser Luftwirbel bewegt sich über Kasachstan hinweg nach Osten, beschleunigt dort zwei Möwen und versetzt schließlich einen nordkoreanischen Beamten in schlechte Laune. Der Beamte genehmigt daraufhin versehentlich die Einfuhr von mehreren Containern voller Playmobil-Ozempicspritzen, die anschließend an der Grenze verteilt werden müssen, weil niemand weiß, wohin sonst damit.

Das klang selbst für Weichers Verhältnisse absurd. Deshalb hatte er Diagramme angefertigt.

Die Diagramme zeigten Pfeile, Kreise und ein Huhn.

„Warum das Huhn?“, fragte ich.

„Weil irgendwann immer ein Huhn beteiligt ist.“

Das war schwer zu widerlegen.

Zur gleichen Zeit lebte in Nordkorea ein Mann, dessen Körperform an Popeye erinnerte, allerdings an einen Popeye, der versehentlich mit einer Fahrradpumpe verwechselt worden war. Der Mann war so aufgeblasen, dass er bei starkem Wind gelegentlich wenige Zentimeter abhob. Nachts musste man ihn mit Sandsäcken sichern.

Da niemand wusste, was man medizinisch mit einem schwebenden Popeye anfangen sollte, begann man, ihm die überschüssige Luft mit den Playmobil-Ozempicspritzen abzulassen. Nicht viel. Immer nur ein paar Millibar. Gerade genug, damit er nachts nicht gegen die Zimmerdecke klatschte.

Inzwischen hatte Weicher weitergeforscht.

Er hatte herausgefunden, dass Menschen, die in Wohnungen keine Pantoletten tragen, akustische Schockwellen erzeugen. Diese pflanzen sich durch Treppenhäuser fort, erschrecken Nachbarn und führen langfristig zu einer erhöhten Dachziegelwanderung. Dachziegel lösen sich dann von Dächern, irren orientierungslos durch die Atmosphäre und fallen bevorzugt auf Hühner.

„Warum wieder Hühner?“

„Weil Dachziegel einen Instinkt haben.“

Wieder schwer zu widerlegen.

Der Zusammenhang zwischen all diesen Dingen wurde erst klar, als Weicher eines Tages im Kreisverkehr die Ausfahrt verpasste. Aus einer Verkettung von Verkehrsfehlern, meteorologischen Unwahrscheinlichkeiten und schlechter Beschilderung landete er tatsächlich in Nordkorea. Dort traf er den schwebenden Popeye-Mann, bekam Pantoletten verordnet und musste drei Wochen lang mit einem Huhn zusammenwohnen, das aus unerfindlichen Gründen einen Schutzhelm trug.

Als er zurückkam, wirkte er verändert.

Er sprach leiser.

Er blinkte früher.

Und immer wenn im Radio dieses eine hektische Folkstück lief, bei dem man das Gefühl bekommt, jemand habe sämtliche Gedanken in einen Wäschetrockner geworfen, schloss er die Augen und nickte wissend. In seinem Kopf hörte er die Musik, die den Zustand beschreibt, den der Engländer sehr treffend mit den Worten „does my head in“ bezeichnet und die er in Pjöngjang Tag und nacht vorgespielt bekommen hatte.

„Jetzt verstehe ich die Welt“, sagte er leise.

„Und wie funktioniert sie?“

Weicher dachte lange nach.

Dann sagte er:

„Gar nicht. Aber sie tut so, als ob.“

Und genau das, fand ich, war eine überraschend beruhigende Aussicht für die aufgescheuchten Hühner in Pjöngjang. Und für die Dachziegel auch.

3 Daft Monkeys / Does My Head In / https://youtu.be/FvpgGmSLCbQ?is=H-WczuGjQloEU_7L