Biedere Kindheit

Wir sind, historisch betrachtet, etwas unglücklich zusammengesetzt worden. Unsere biedere Kindheit lag noch zwischen Fernsehfilmen, deren Schauspieler aussahen, als hätten sie den Zweiten Weltkrieg nicht erlebt, sondern erfunden, und einer Gegenwart, in der Kühlschränke mit uns sprechen möchten, ohne zunächst die Höflichkeit aufzubringen, sich vorzustellen. Gute zwanzig Jahre nach dem Krieg spielten wir in den…

Wir sind, historisch betrachtet, etwas unglücklich zusammengesetzt worden. Unsere biedere Kindheit lag noch zwischen Fernsehfilmen, deren Schauspieler aussahen, als hätten sie den Zweiten Weltkrieg nicht erlebt, sondern erfunden, und einer Gegenwart, in der Kühlschränke mit uns sprechen möchten, ohne zunächst die Höflichkeit aufzubringen, sich vorzustellen.

Gute zwanzig Jahre nach dem Krieg spielten wir in den Trümmern der Erinnerung. Im Fernsehen liefen Schwarzweißfilme, dann die Rappelkiste, dann kamen in keine verbindlichen Reihenfolge und manchmal auch gleichzeitig der Terrorismus, Kalter Krieg, Wiedervereinigung, Waldsterben, Ozonloch, Tschernobyl, Turnschuhe im Parlament, das Internet, der 11. September, Finanzkrisen, Pandemien, Klimawandel und schließlich Maschinen, die behaupten, uns zu verstehen. Es war eine Art Staffellauf, bei dem jeder Läufer den Stab mit den Worten übergab: „Moment, es wird gleich noch etwas komplizierter.“

Vermutlich sind wir schlecht kalibriert. Unser Gehirn wurde für einen Wald entwickelt, in dem gelegentlich ein Wolf auftaucht. Stattdessen müssen wir täglich beurteilen, ob Demokratie, Ozeane oder das Konzept der Wirklichkeit selbst noch bis Freitag geöffnet haben.

Die Außerirdischen, die ich kennengelernt habe, sind anders. Sie strahlen etwas aus, das man auf der Erde fast nur noch von Golden Retrievern kennt: völliges Wohlwollen. Keine Konkurrenz. Kein Geltungsbedürfnis. Niemand hat dort einen Podcast, aber auch kein Fanzine. Als ich sie fragte, wie sie das geschafft hätten, sagten sie: »Wir haben rechtzeitig begriffen, dass das Universum kalt ist.«

Das erschien mir zunächst nicht sonderlich originell. Natürlich ist das Universum kalt. Jeder weiß das. Dann fügten sie hinzu: »Aber eine Küche um 23.17 Uhr kann kälter sein.« Und da verstand ich plötzlich, was sie meinten. Die eigentliche Einsamkeit beginnt nicht zwischen den Sternen. Sie beginnt, wenn niemand die Absurdität würdigt, dass man gerade mehrere Millionen Kilometer durch ein gleichgültiges Universum gereist ist und nun vor einem Kühlschrank steht, in dem nur Senf und eine fragwürdige Paprika lagern.

The All Seeing I / 1st Man In Space / https://youtu.be/RNB2zeAyyO4?si=8H5QMMvIxJ8YAH6c